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Chronik des Bundesbahn-Sozialwerk (BSW) - Ortsstelle Holzwickede nach Aufzeichnungen von Wilhelm Klösel

Nach der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Dortmund-Hörde-Holzwickede-Unna-Werl-Soest am 9. Juli 1855 werden zunächst nur wenig Bedienstete in Raum Holzwickede tätig gewesen sein. Ihre Anzahl vermehrte sich erst mit der Ausweitung der Bahnanlagen So mögen die sechziger Jahre und vielleicht einige der siebziger Jahre vergangen sein, in denen hier und dort angeflickt, umgebaut und erweitert wurde. Einzelheiten darüber sind nur spärlich und nur aus mündlichen Uberlieferungen zu erhalten.

Festzuhalten sind sie nur in groben Zügen, weil die Zeitangaben schwanken. 1885 bestand bereits ein Betriebswerk (Bw) und eine Stückgutumladehalle (Ula) wurde 1888 eingerichtet. Die Bahnhofsanlagen in Holzwickede wurden dadurch sehr angereichert. Auch darüber sind zuverlässige Unterlagen mit präzisen Zeitangaben nicht aufzutreiben.

Im Feuerwirbel des 23. März 1945, dem Tag an dem ein Großangriff alliierter Bomberverbände auf den Bahnhof Holzwickede angesetzt war und Holzwickede unterzugehen schien, ist vieles vernichtet worden, was der Chronik der Dienststellen und des Sozialwerks dienlich gewesen wäre.

Die Erinnerungen der heute (Jan. 1961) "ganz Alten" (sie sind in den siebziger oder achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts geboren), wurden für unsere Zwecke gerne gegeben. Die vielen Jahrzehnte haben aber auch Gedächtnislücken hinterlassen. Gewiß werden sich die Eisenbahner schon früh zu losen Interessengemeinschaften zusammengefunden haben. Die gleiche Arbeit in den verschiedenen Dienstgruppen führte sie zusammen und stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl:

Die Lokpersonale, die Rangierer, die Zugbegleitpersonale, die Beamten des stationären Dienstes usw. Die gemeinsamen Interessen wurden gepflegt, man bildete einen Ring. Der Eigenart der Westfalen entsprach dabei mehr die Vereinzelung oder die Gruppenbildung. Bindungen in größere Vereine wurden gescheut. Zudem war Holzwickede einfach und ländlich. Erst durch die Anlage der Eisenbahn stieg die Einwohnerzahl bedeutend. Sie lag um die Jahrhundertwende bei 4600 Köpfen.

 

Um den Bahnhof erhoben sich nur einzelne Häuser, Gehöfte von Bauern und Handwerkern. Dazu gesellten sich allmählich die Geschäftsleute. Das eigentliche Dorf lag etwas abseits. Noch heute (1961), wo das Gemeinwesen fast 10. 000 Einwohner hat, sagt man im alten Dorf, wenn man zu Einkaufen nach dem größeren Teil Holzwickedes geht, "man geht zum Bahnhof".

Also war der Bahnhof der eigentliche Kern, der Kristallisationspunkt des heutigen Holzwickede. Ländlich, sittlich war auch das außerordentliche Leben der bei der Eisenbahn Beschäftigten. Fast ein jeder hatte seinen kleinen oder großen Garten, fast zu jedem Haus gehörten Stallungen, in denen Schweine, Ziegen, sogar vereinzelt Kühe von den Eisenbahnern gehalten wurden. Man hatte also neben dem Dienst reichlich mit sich selbst oder dem Hauswesen zu tun und fand nicht viel Zeit für anscheinend am Rande liegende Dinge. Doch der Gesellschaftstrieb wird anschließend Ansatzpunkte abgegeben und die Durchsetzung der Interessen das Aneinanderrücken gefördert haben.

1900 waren in Holzwickede, das zu einem beachtlichen Knotenpunkt der Eisenbahn herangewachsen war, über 1000 Beamte und Arbeiter im Bahnhof, der Umladestelle, dem Betriebswerk und in der Bahnmeisterei beschäftigt, jedoch wohnten sie überwiegend in den Städten und Dörfern der Hellwegkreise. Die meisten waren den verschiedenen Verbindungen der Fahrbeamten, der Lokomotivführer, der Weichenwärter, der Beamten des Stationsdienstes nun beigetreten. Die Sonderbestrebungen dieser Vereine mußten mehr und mehr zu Abkapselungen dieser Spartengruppen führen. Der gemeinsame Dienst erforderte aber den Zusammenschluß aller Eisenbahner in einer Organisation. In dieser Zeit gab der Eisenbahnminister Budde die Anregung zur Gründung von Eisenbahnvereinen, die die Bediensteten jedweder Stellung erfassen sollte.


So haben sich auch in Holzwickede weitblickende Männer gefunden, die die notwendigen Vorarbeiten auf sich nahmen. Am 7. Januar 1900 kam es zu einer Gründungsversammlung, die von 64 Bediensteten besucht wurde. Der damalige Stationsvorsteher I.Klasse, Pietschmann wurde zum 1.Vorsitzenden gewählt. Unter seiner Leitung wuchs die Zahl der Mitglieder im ersten Jahr bereits auf fast 500. Aus dem Vereinsleben ist bekannt, daß gemeinsame Veranstaltungen, Sommerausflüge und Winterfeste, die Eisenbahner sehr erfreulich einander näher brachten. Die Eisenbahnverwaltung stellt für die Fahrten auf weitere Entfernungen kostenlos Sonderzüge. In jedem Jahr bildete eine solche Fahrt den besonderen Höhepunkt im Vereinsleben und erfreute sich bei den Mitgliedern und Ihren Familienangehörigen größter Beliebtheit. Viele der wundervollen Gegenden des Sauerlandes, der Rheingaue oder der münsterischen Ebene wurden besucht. Städte, wie Iserlohn, Schalksmühle, Müngsten, Barmen, Elberfeld, Mülheim/Rh., Köln, Düsseldorf, Münster und andere waren Ziele; der sagenumwobene Rhein ein Sondergenuß. Außerdem belebten Ausflüge zu Fuß die Vereinsjahre, und viele der heute "Alten", die als Kinder teilnahmen, erinnern sich noch jetzt gern an die schönen kleinen Feste. Im Gründungsjahr wurde eine Gesangabteilung ins Leben gerufen. Neben der Geselligkeitspflege war tätige Nächstenliebe der Hauptzweck des Vereins, in der Folge sogar seine vornehmste Aufgabe. Schon in den Anfangsjahren wurde Sterbegeld an die Angehörigen verstorbener und Unterstützung an bedürftige lebende Mitglieder gezahlt.

Das war der Beginn der örtlichen Fürsorge, die nun den Charakter des Vereins und der Nachfolgeorganisationen entscheidend prägte. Als Nachfolger des am 1.4.1903 versetzten 1. Vorsitzenden Pietschmann wurde der 2.Vorsitzende, der Güterexpeditionsvorsteher Knauser gewählt. Er vertrat Holzwickede bei der Gründung des Bezirksverbandes der Staatseisenbahnvereine. Diesem Zusammenschluß folgte bald die Gründung der Verbandskrankenkasse für die im Arbeiterverhältnis stehenden Mitglieder, denen sich bei geringer Beitragszahlung die Möglichkeit bot, bis zur tatsächlichen Höhe des Arbeitsverdienstes Krankengeld zu beziehen. Gleichzeitig wurde das Mitgliedersterbegeld fester fundiert, Im Jahre 1902 wurde der Eisenbahn-Töchterhort geschaffen; später folgte auch ein Eisenbahn - Knabenhort, die beide als Vorläufer des noch heute bestehenden Eisenbahn-Waisenhort anzusehen sind.

Der 1.Vorsitzende Knauser schied durch Versetzung aus. An seine Stelle wurde am 29.10.1905 der Stationsvorsteher l.Klasse Hesse gewählt. Seine Tätigkeit dauerte jedoch nur ein halbes Jahr. Im folgte am 22.04.1906 der Obergütervorsteher Hambrock. Am 2.5.1906 nahm er und eine Abordnung von 20 Mann an der Beerdigung des Staatseisenbahnministers Budde in Bensberg teil.

Seit 1906 gab der Verein durch eine Selterwasseranlage gutes Trinkwasser zu niedrigen Preise an die Bediensteten ab. (Dies wurde in den Jahren ca 1960 - 1970 von Walter Voigtländer weiter geführt). Während des ersten Weltkrieges war Holzwickede Truppenverpflegungsstelle. Auch hier hat der Verein mit seinen wenigen Mitteln erhebliche Betreuungsarbeit geleistet. Vor, während und nach dem Kriege organisierte der Eisenbahnverein den gemeinschaftlichen Bezug von Kohlen und Kartoffeln und gründete eine Konsumgenossenschaft. Das Verkaufsgeschäft in der Hauptstraße blühte viele Jahre bis es im 2.Weltkrieg gleichgeschaltet wurde. Der Eisenbahnkonsum war untergegangen.

Eine kleine vereinseigene Bücherei hat mehrere Jahre bestanden und war erfreulich gut fundiert. Fortbildungskurse halfen dem Eisenbahnernachwuchs in der beruflichen Weiterbildung. Am 1.9.1912 wurde der 1.Vorsitzende, Obergütervorsteher Hambrock nach Münster versetzt. Nach seiner sechseinhalbjährigen uneigennützigen Tätigkeit wurde er durch den Bahnhofsvorsteher Pöting ersetzt. 1912 wurde zum ersten Mal eine Weihnachtsfeier veranstaltet. Abgesehen von einer Unterbrechung, deren Ursachen in den Schwierigkeiten des 1.Weltkrieges lagen, hat sich dieser schöne Brauch, dessen Höhepunkt stets eine Kinderbescherung war, bis in die Neuzeit erhalten und wir weiter fortgesetzt.

Ansehnliche Beträge gab der Verein im Ersten Weltkrieg für das Rote Kreuz und an die Ostpreußenhilfe, dem Kriegsliebesdienst; zeichnete hohe Beträge für Kriegsanleihen und half örtlich den Hinterbliebenen Gefallener. Aus der Kriegsnot und den Hungerjahren wurden die Gedanken an Hilfe und Gemeinsamkeit im Gartenbau geboren.

Am 1.9.1915 übernahm an Stelle des 1.Vorsitzenden Pöting der Obergütervorsteher Sievernich den Vorsitz bis zum 1.10.1916. Unter seiner Leitung wurde noch eine Kleintierzuchtabteilung angegliedert und erfolgreich geführt. Nach der Versetzung des Herrn Sievernich übernahm der Oberbahnhofsvorsteher Schmidt die Leitung des Vereins.

Die ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren die bittersten für alle. Während der Vorstand des Vereins alles erdenkliche tat, im Rahmen der Möglichkeiten und der Mittel die äußerste Not zu lindern und überall fürsorglich tätig zu sein, verlangten wenig irregeführte Mitglieder die Auflösung des Vereins. Dazu kam es jedoch nicht. Das Vereinsleben stagnierte aber in den Jahren 1920 - 1923 . Mit Beginn des Jahres 1924 kam nach der Inflation und Festigung der Mark neues Leben in den Verein.

Der gemeinschaftliche Kohlen- und Kartoffelbezug wurde wieder aufgenommen, wie auch allgemein die Wohlfahrtspflege aufblühte. Ein erster Vereinssonderzug führte die Mitglieder nach Münster. Am 1.3.1926 schied Oberinspektor Schmidt als Vorsitzender wegen Versetzung aus. Für ihn übernahm Oberinspektor Eucker die Leitung. Er mußte leider schon nach einen Jahr das Amt wegen Erkrankung niederlegen. Der. 2.Vorsitzende, Lokführer Gerkrath, führte die Vereinsgeschäfte bis zum 20.2.1928 allein. An diesem Tag wählte die Generalversammlung den Bahnhofsinspektor Strohmeyer zum 1.Vorsitzenden. Das Vereinsleben bewegte sich in der Zeit bis 1930 im allgemeinen im Rahmen der vergangenen Jahre. Die Fürsorge schob sich immer mehr in den Vordergrund, weil sich nachhaltige Gesundheitsschäden aus den Kriegs- und Hungerjahren zeigten. Die Zahl der Kinderentsendungen stieg von 5 auf 82 an; 3 Erwachsene wurden verschickt. Die Fürsorge hätte noch intensiviert werden können, wenn sich die Frauen der Mitglieder hätten aktivieren lassen.

Holzwickede gehörte in jener Zeit zum Bezirk der Direktion Wuppertal (bis zum 1.10.1945). Bei der Direktion lag auch die Bezirksleitung der örtlichen Eisenbahnvereine. Unermeßliche, stille Arbeit hat der Bezirksvorstand geleistet, als er es ermöglichte, die Gesundheitsschäden durch Entsendungen zu beheben. Er war der tatkräftige Förderer aller wohltätigen Bestrebungen. Was über den Rahmen der örtlichen Vereinsmittel hinausging, übernahm er. Dieser stillen Arbeit sei hiermit dankend gedacht. Sie pflanzte sich bis heute und weiter fort.

1929 wurden im Rahmen einer schlichten Feier erstmals 182 Mitglieder geehrt, die eine 25- oder 40 jährige Dienstzeit vollendet hatten. Die erhielten Gedenkblätter. An dieser Feier nahm der damalige Reichsbahndirektionspräsident Loewel, Wuppertal, die Amtsvorstände und der Bezirksvorstand der Eisenbahnvereine Wuppertal teil.

Bahnhofsinspektor Strohmeyer wurde am 1.3.1930 nach Gevelsberg versetzt. Bahnhofsinspektor Dolle wurde sein Nachfolger. Er übernahm die Vereinsleitung im Sinne seiner Vorgänger.
Am 12. Oktober 1930 konnte der Eisenbahnverein Holzwickede nach eingehenden Vorbereitungen in feierlicher Form das 30- jährige Stiftungsfest begehen. Eine Festschrift des Schriftführers, Reichsbahn-Obersekretär (ROS) Hasubeck gibt Auskunft über den Ablauf der Feierlichkeiten und sagt vieles über die Vereinsarbeit der vergangenen Jahre aus. Hier konnten die meisten der Angaben geschöpft werden, die sonst der Vergessenheit anheimgefallen wären. Dank diesem guten Chronisten.

Die folgenden Jahre waren hart. Auch das Leben der Eisenbahner wurde überschattet durch die düsteren Wolken der großen Arbeitslosigkeit, (über 7 000 000 Männer waren arbeitslos) des Parteienstreits, der Sparmaßnahmen der Regierungen, der inneren Unruhen usw. Aber immer folgte der Eisenbahnverein treu seiner Einstellung. Das änderte sich auch nicht nach der Machtübernahme 1933 durch den Nationalsozialismus. Man wurde zwar politisch gleichgeschaltet und nannte sich nun Reichsbahnkameradschaftswerk. Mit dem Namen änderte sich aber nicht an zu der gewohnten Einstellung zur Hilfsbereitschaft.

Nach Inspektor Dolle haben vor und während des Zweiten Weltkrieges die Bw - Vorsteher Jäger und Lohenstein den Verein geleitet. Unterlagen fehlen, weil sie vernichtet sind. Hervorstehende Ereignisse gab es aber in dieser Zeit nicht.

Der Zusammenbruch im Jahre 1945 brachte natürlich zunächst eine völlige Lähmung des Vereinslebens. Jeder hatte reichlich mit sich selbst zu tun oder suchte an seinem Arbeitsplatz Ordnung zu schaffen. Dann aber lief die Eisenbahn wieder, man atmete etwas auf, schöpfte neuen Mut, und im Januar 1946 erinnerte man sich auch stark wieder des Eisenbahnvereins. Am 13. Januar 1946 wurde die Vereinsleitung neu gewählt. Der Bw-Vorsteher Merz übernahm das Amt des 1. Vorsitzenden des umbenannten Vereins. Er hieß jetzt Reichsbahnsozialwerk, Ortsgruppe Holzwickede. Mit aller Tatkraft ging es an die Organisation von Kohlen- und Kartoffelbezug, Mineralwasser lieferten die Naturquellen, eine Handwerkerstube wurde eingerichtet, die in der Hauptsache sich des böse aussehenden Schuhwerks annahm. Eine Betriebsküche nahm ihre Tätigkeit auf, und wenn man auch noch weitab von dem Silberstreifen am Horizont war, man lebte auf, arbeitete wie besessen und vergaß manche Nöte darüber. In dem schweren Jahr 1947 konnte sogar eine Geldsammlung zugunsten der Kriegshinterbliebenem und der Angehörigen der Kriegsgefangenen Erfolge bringen. Es kamen fast 2000 RM zusammen. Daneben veranstaltete man wieder die gewohnte Weihnachtsfeier, die wenn sie auch ein wenig mager war, doch die Herzen der Beteiligten erfreute.

Der Einfluß der Währungsreform am 1.6.1948 auf die Vereinstätigkeit ist zunächst nur schwach gewesen. Noch litt alles unter dem Mangel an Mitteln. Dann konnte 1949 die Ortsgruppe wieder bescheidene Beträge für die Ehrung der Jubilare, zum 80., 85. usw. Geburtstag, für goldene Hochzeiten etc. bereitstellen. Am 11.6.1950 entführte erstmals wieder ein Sonderzug die Mitglieder in die Welt, diesmal nach Iserlohn. Daß nun auch wieder regelmäßig Weihnachtsfeiern mit Kinderbescherung als erfreulichster Mittelpunkt des Jahres gefeiert wurden, ist klar. Das Jahr 1954 brachte die Auflösung des Betriebswerk (Bw) Holzwickede. Das hatte seine Wirkung auf die Vereinsleitung, weil die Mehrheit der Mitglieder des Vorstandes Angehörige des Bw waren, nun zur Ruhe gesetzt oder versetzt wurden. Als neuer 1. Vorsitzender wurde der Bundesbahn-Oberinspektor (BOI) Stroff vom Bahnhof gewählt. An der Arbeit, der Einstellung zur Fürsorge und dem Rhythmus änderte sich nichts, nur daß man weniger an Feste oder Sonderzüge dachte. Die Zeiten waren anders geworden. Man könnte so viele Komponente anführen.

Mit dem langsam steigenden Wohlstand kamen eine Unzahl von Festen herauf. Jedes kleine Klübchen veranstaltete einige Male im Jahr irgend etwas und irgendwo waren die meisten einmal dabei. Wozu sollte dann die Anzahl der Feste noch durch Veranstaltungen einer auf Wohltätigkeit abgestellten Vereinigung vermehrt werden ?. Es hätte nach innen und außen nicht gut ausgesehen. Jedenfalls war es sehr überflüssig, an Belustigungen zu denken.

BOI Stroff konnte leider seinen Posten nur bis zum Frühjahr 1955 behalten und mußte ihn dann niederlegen, weil größere Arbeiten im Bahnhof als dringender Nachholbedarf der Bundesbahn seine ganze Kraft erforderten.

Seit dem 13. Januar 1955 hat deshalb nach seiner Wahl zum 1.Vorsitzenden der Bundesbahn-Amtmann Klösel, Güterabfertigung (Ga) Holzwickede die Leitung übernommen. Ihm fielen gleich besondere Aufgaben zu. Der 10. Juli 1955 sollte als Tag des 100 jährigen Bestehens der Eisenbahnstrecke Dortmund-Soest festlich begangen werden. Der Festakt sollte in Holzwickede stattfinden. So hatte es die BD Essen bestimmt. Bilder

Der Bürgerschützenverein Holzwickede, dessen alljährliches Schützenfest auf den 1. Sonntag im Juli fällt, brachte die Idee auf, die Feierlichkeiten 100 Jahre Eisenbahn und 90 Jahre Bürgerschützenverein mit einem gemeinsamen Festzug zu verbinden und auf Hochglanz zu bringen. Eisenbahn und Schützenverein, jeder sollte für sich Phantasie, Ideenreichtum, Fleiß und Erfindungsgabe aufbringen, um den Fest eine besondere Note zu geben. Wer anders als das Bundesbahnsozialwerk, konnte dazu berufen sein, der Eisenbahn dabei zu dienen ? Es mußte der Festzug eindrucksvoll, passend, fröhlich und denkwürdig sein, mußte gut verlaufen und der Eisenbahn eindeutig einen Prestigegewinn bringen. Was sich hier nur in kurzen Zeilen sagen läßt, brachte ganz erhebliche Vorarbeiten, viel Kopfzerbrechen mit und erforderte den Fleiß vieler, der einer großen und schönen Sache ziert.

 

Besprechung der verantwortlichen der Bahn und des Schützenvereins für den Festzug
100 Jahre Eisenbahn in Holzwickede

 

von links nach rechts: Herbert Sträter (DB), Josef Seidel, Heinrich Finkmann, Wilhelm Heckmann (Schützenverein),

 

 

Bewundernd sei hier der Herren Bundesbahninspektor (Bl) Herbert Sträter, Bl Reibel und Bl Günter Bade gedacht, die über die Schaffung der Grundideen hinaus mithalfen, bis das Werk stand. Mit einem Zuschuß des Bezirksvorstandes in Essen von 400 DM mußte gewirtschaftet werden. Einige kleine Mittel des örtlichen BSW wurden verbraucht.

 

Und dann war der Festtag da. Alle Sparten der Eisenbahn waren vertreten. Das Bahnhofspersonal, wie die Stellwerke, die Aufsichtsbeamten, die Rangierer, die Schlosser, Lokführer, alle in besonderen Gruppen, oder auf besonders hergerichteten Fahrzeugen. Auf einem Fahrzeug waren die " alten Eisenbahner" versammelt, die zusammen 2000 Jahre auf dem Buckel hatten. Selbst die Umladehalle fehlte nicht. Sie mußte von vornherein mit vielen Anhängern, wie sie auf den Bühnen gebraucht wurden, helfen, die Elektrofahrzeuge, Gabelstapler und Trecker wurden eingesetzt, geschmückt für die verschiedenen Zwecke.

 

 

Ein schwerer Elektroschlepper zog eine Eisenbahn - en Miniatur - hinter sich her. Die niedlichen Wagen, auf Anhängern montiert, waren vollbesetzt mit lebhaften kleinen Damen und Herren im Biedermeierkostüm. Sie riefen überall auf dem langen Wege durch die Gemeinde den herzlichen Jubel der Besucher, die zu Abertausenden die Straßen säumten, hervor. Vor dem Festzug gingen in traditionellen Uniformen Eisenbahner der Zeit vor hundert Jahren. Auch im Zuge verteilt sah man sie. Wenn dann von hochgefahrenen Gabelstaplern, aus schwankender Boxpalette, von einer kleinen Biedermeierin Bonbons unter die Zuschauer flogen, hatte der Jubel keine Grenzen. Nach der Auflösung des Festzuges fuhr zur größten Freude einer stets wachsenden Anzahl von Kindern die Kindereisenbahn auf dem Marktplatz im Kreise und lud immer neue jauchzende Fracht auf.

 

Kinder mußten Zugführer spielen, Fahrkarten ausgeben, die Signale bedienen, und nur der Lokführer ließ sich aus begreiflichen Gründen nicht vertreten. Seitenlange Berichte der Zeitungen kamen heraus, und noch heute ist das schöne Fest unvergessen. Der Fleiß aller am guten Gelingen Beteiligten hatte sich in schönster Weise gelohnt.

 

Bilder vom Festzug

 

 

linkes Bild: Josef Stroff und Wilhelm Klösel, Mitte: Herbert Sträter und Max Harprecht in historischen, Uniformen,  rechts Fahnengruppe der DB, auf dem Kutscherbock Bahn Spediteur Grengel

 

Der hochoffizielle Teil der Hundertjahrfeier am Sonntag, dem 10.7.1955 begann mit Festgottesdiensten der Konfessionen. Für 17.00 Uhr hatte die Bundesbahndirektion Essen zu einem Festakt in den großen Saal des Hotel Adler eingeladen. Bundesbahndirektionspräsident Herrmann hielt die Festrede. Ihm folgte als Vertreter der Landesregierung Ministerialrat Rademacher. Weiter Ansprachen hielten der Bürgermeister der Gemeinde Holzwickede, Herr Heller, ein Stadtdirektor von Dortmund, der Herr Schützenoberst von Holzwickede, Konrad Schmulbach. Als prominente Gäste wurden begrüßt der Landschaftsdirektor Dr. Köchling, Münster, der 1. Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer Dortmund und viele andere. Den Saal füllten über 600 Personen. Anschließend fand im Rathaus von Unna und im Kurhaus Unna-Königsborn ein Empfang statt.

Der Nachmittag in Holzwickede gehörte den Eisenbahnern und den vielen willkommenen Gästen. Bunt aufgezogen, wie es sich von einem richtigen Fest gehört, rollte ein Programm ab, das alle Anwesenden mit Frohsinn erfüllte. Die "Bezirksmusik" des Sozialwerks von der hohen Direktion eigens dazu eingeladen, gab sich bestgelungendste Mühe den Tag zu verschönen. Eine Verlosung, in der in großzügigster Weise von der Bezirksleitung Essen gestiftete Kuraufenthalte gewonnen werden konnten oder von der Brennstoffversorgung der Bundesbahn Kohlen vergeben wurden, waren neben den vielen anderen unterhaltsamen Sachen die vielen Freuden, die an diesem Tag mit Lob auf die Bundesbahn die dankbaren Herzen füllte. Müssen wir eigens beteuern, daß nicht Selbstlob diese Zeilen schrieb ? Von allen Seiten kamen begeisterte Glückwünsche, und Zweifler können sich jeder Zeit die Lichtbilder ansehen, die die Gestaltung der beiden festlichen Tage dokumentieren. Ubrigens war der Bahnhof ein Flaggenmeer, eine Musikkapelle unterhielt alle, die zur Eisenbahn kamen, mit frohen Klängen an einem Tage, den der Herrgott eigens schuf, der Eisenbahn sein Wohlwollen zu bezeigen.

Heute ist das alles längst eine schöne Erinnerung geworden. Doch die Erinnerung lebt. Belebt wird sie nicht nur von den vielen schönen Aufnahmen, die insbesondere vom Festzug gemacht und von Fremden gern kostenlos einer angelegten Sammlung zur Verfügung gestellt wurde. Sie bilden heute einen Schatz für die Ortsgruppe. Auch im Film lebt der Tag noch fort. Der Bürgerschützenverein ließ von den Phasen des Festzuges und den anderen Veranstaltungen einen 90 Minuten Film drehen, in dem die Eisenbahn nicht schlecht wegkommt. Die Ortsgruppe Holzwickede des Bundesbahnsozialwerks kann berechtigt stolz darauf sein, daß alles so geklappt hat.

Dank allen Beteiligten!
Der Alltag trat wieder in seine Rechte. Längst hat sich die Ortsgruppe vom "Maitre de plaisier" wieder in den Fürsorger zurückverwandelt. Das Vereinsleben verlief in den altgewohnten Bahnen. Von der Werbung auch der restlichen Miteisenbahnern bis zur notwendigen Erhöhung der Spenden mußten die Alltagssorgen aus- und durchgekostet werden. Nein ! Das war nicht schwer. Der wachsende Wohlstand, der sich auch bei den Bundesbahnern bemerkbar machte, zeigte sich in den steigenden Rückflüssen von Einnahmen an die Ortsstellen.

In Holzwickede wurde kein Wert auf Feste, denen die Seele fehlt gelegt, die nur dem Trubel dienen. In wachsenden Maße konnten mit Hilfe der Bezirksleitung Essen, Erholungskuren, Heilkuren, und andere Entsendungen durchgeführt werden. Not, die auch unter der dünnen Tünche des Wohlstandstaates zu finden ist, wenn man sie sucht, mußte gelindert und behoben werden. Man kann nicht im einzelnen davon reden, das verbietet sich von selbst. Man kann aber mit Genugtuung sagen, daß viele u arme Menschlichkeit und Sonnenschein ausgestrahlt werden konnte. Für die Kinder wurde in jedem Jahr ein wundervolles Weihnachtsfestspiel mit Bescherung veranstaltet, meistens ein Märchenfilm. Der Nikolaus kam mit Lob und Strafrede, und am Ende jubelten wieder alle Kleinen, wenn sie Ihre jetzt reichlich gefüllten Tüten bekamen. Bis zur Auflösung des Bw und der Bahnmeisterei (Bm) im Jahre 1954 wurden bis zu 420 Kinder beschert, in den letzten Jahren beläuft sich die Zahl der Kinder auf 250.

Am 21.9.1960 wurde ein Festtag der "Alten" eingeschaltet. Die 75 jährigen und die darüber hinaus mit Jahren gesegneten ehemaligen Eisenbahner waren gebeten, Sie kamen alle und erlebten einen schönen Tag mit Musik, Humor, mit Gewinnen, tauschten Erinnerungen aus und haben sich von Herzen gefreut. Etwa 4000 Lebensjahre hatten sich im Hotel Adler versammelt. Im Weihnachtsmonat hatten dann die Kinder wieder ihren großen Tag. Der Märchenfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge schlug alle in den Bann.

Es dürfen nicht die kulturellen Aufgaben und Bestrebungen übergangen werden, die das Ziel, des BSW sind. Photoamateure beteiligen sich gern und rege in Dortmund und Hamm an den Photogruppen, es gibt versierte Philatelisten. Die von der Ortsgruppe Dortmund eingerichteten Opern- und Schauspieltag werden gern von Holzwickedern besucht. Von Herrn Bl Sträter, früher der Ga Holzwickede zugehörig, jetzt Amtslehrer beim Verkehrsamt (VA) Dortmund, angeregt, wurden in mehreren Jahren im Rahmen der VHS-Vortragsreihen immer wieder Filme der Bundesbahn, über die Gestaltung der Ferien, über das Reisen, die schönsten Gegenden usw. vorgeführt, die einen Kreis fester Liebhaber fanden. Das BSW Holzwickede kann auch hier mit Stolz sagen, daß vieles getan worden ist. So soll, das Vereinsleben, die stille fürsorgerische Tätigkeit und die kulturelle Betreuung weitergehen auch wenn der Verfasser dieser Zeilen in ganz kurzer Zeit sein Amt wegen Erreichung der Altersgrenze an einen Jüngeren abgibt und sich hiermit verabschiedet von der Bundesbahn, allen Mitgliedern im BSW und von den übrigen Herrn des Vorstandes des BSW in Holzwickede.